Né pour lire

Schnipsel
28.10.2019

Né pour lire

Mein persönliches Projekt, den Röstigraben zu überwinden, führte mich diesen Herbst für vier Wochen nach Lausanne, wo ich – dank einem Dienstaltersgeschenk und meinen Herbstferien – vier Wochen verbringen durfte. Das Ziel war einerseits, mein schäbiges Französisch zu verbessern, andererseits aber auch, die Romandie und Lausanne im Speziellen näher kennen zu lernen.


Als ich die Ausschreibung einer Buchstart-Veranstaltung in der «Bibliothèque jeunesse» sah, packte mich die Neugier: Wie funktioniert Buchstart in der Westschweiz? Gibt es Unterschiede? Gemeinsamkeiten? Ich fragte in der Bibliothek, ob es möglich sei, die Veranstaltung auch ohne Bébé zu besuchen, und bekam grünes Licht.


An einem regnerischen Freitagmorgen radelte ich also zur «Bibliothèque jeunesse» und lernte Isabelle kennen. Sie ist Bibliothekarin, hat bei Bibliomedia Buchstartkurse besucht und ist für die «Né pour lire»-Veranstaltungen verantwortlich.

Die «Bibliothèque jeunesse» ist Teil des Netzwerks der Stadtbibliotheken von Lausanne. Sie ist, wie der Name sagt, auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert, ist hell, bunt und freundlich und befindet sich ebenerdig in einem grossen, offenen Raum. Die Ecke, wo die Veranstaltung stattfinden soll, ist mit einem runden Teppich und bunten Kissen ausgestattet. Puppen und Stofftiere warten auf die Besucher, ein Tischlein lädt zum Zeichnen ein, und – zentral platziert  – mitten auf dem runden Teppich stehen mehrere Kisten voller Pappbücher mit Buchstartklebern. Nach und nach tröpfeln Mütter mit ihren Kleinkindern in Buggys herein, werden von Isabelle herzlich begrüsst, machen es sich auf den Kissen bequem und beginnen Bücher anzuschauen.
Um 9:30 Uhr – dem Beginn der Veranstaltung – haben sich acht Kinder, acht Mütter und eine Grossmutter eingefunden, und Isabelle zieht eine Spieldose auf. Als die Musik erklingt und die zwei Marienkäfer auf der Dose tanzen, kehrt im Raum absolute Stille ein. Ich bin sehr beeindruckt, wie die kleinen Kinder lauschen. Man hätte tatsächlich eine Stecknadel fallen hören können!
Isabelle erklärt die Regeln: Die Veranstaltung findet um den roten Teppich statt. Wenn ein Kind diesen Bereich verlässt, ist das kein Problem, aber die Mütter sind dann für ihre Kinder verantwortlich. Und es wäre schön, wenn die Besucher bis zum zweiten Erklingen der Musikdose bleiben würden.

Isabelle erzählt das Bilderbuch «Les bisous, c’est sur la joue» von Jérôme Lambert. Anschliessend zeigt sie einen einfachen Vers, den alle mit ihren Kindern machen.
«Et maintenant, c’est à vous!» leitet den nächsten Teil der Veranstaltung ein: Eltern oder Kinder holen sich ein Buch aus den Kisten in der Mitte und schauen es gemeinsam an. Isabelle macht die Runde mit dem Bilderbuch «Une souris verte» von Bénédicte Guettier. Den Vers zu den Bildern erzählt sie jeweils einem oder zwei Kindern aufs Mal. Einige Kinder setzen sich auch an den Tisch und machen eine Zeichnung. Nach einer guten halben Stunde lässt Isabelle wieder die Spieldose spielen und beschliesst so die Veranstaltung. Der Vers des Tages liegt auf und kann mitgenommen werden. Einige Familien leihen Bücher aus und verschwinden dann in den grauen Herbstmorgen.

Ich masse mir nicht an, nach dem Besuch einer einzigen Veranstaltung über Buchstart in der Romandie Bescheid zu wissen. Jede Leseanimatorin hat ihren eigenen Stil, und es wäre wirklich eine grobe Generalisierung, von einer einzigen Person auf eine ganze Berufsgruppe zu schliessen. Ich kann einzig die Veranstaltung von Isabelle mit meiner eigenen Art von Buchstartveranstaltungen vergleichen.
Wir beide gestalten den Raum ähnlich (wobei ich die Bedingungen, die Isabelle in ihrer Bibliothek hat, idealer finde). Wir haben beide ein Ritual, das Anfang und Ende der Veranstaltung markiert. Wir stellen beide eine Auswahl an Pappbüchern in die Mitte. Wir arbeiten beide mit einem Buch und Versen. Also ziemlich vergleichbar.
Der Hauptunterschied ist folgender: Bei mir stehen die Verse im Zentrum, bei Isabelle die Bücher, und bei mir ist die streng strukturierte Sequenz länger (ca. 30 Minuten) als bei Isabelle (10 Minuten), dafür ist sie in der freieren Sequenz viel präsenter und aktiver als ich.

Fazit: Wir arbeiten beide mit den gleichen Mitteln und dem gleichen Ziel, aber auf zwei unterschiedlichen Wegen.

Herzlichen Dank an Isabelle und die «Bibliothèque jeunesse» für die Offenheit und die Bereitschaft, Auskunft zu geben.
Franziska Honegger Roth, Leseanimatorin SIKJM